Eine richtig steife Brise zerzaust das Haar und lässt die Schaumkronen auf den Wellen tanzen. Nichtsdestotrotz harren einige Enthusiasten und Neugierige aus, um einem einmaligen Naturschauspiel beizuwohnen, das die Welt, Stress, Hektik und das Alltagseinerlei für eine Weile vergessen lässt. Mitten unter ihnen ein gerade schweigsamer Mann, der mit einem Lächeln die Wartenden beobachtet. Denn er weiß: Sie kommen. Gleich.

WDCS: Delfin-Schutz vor der Küste Schottlands. Interview mit Charlie Phillips

Tierschutz ist das oberste Ziel des WDCS. Nicht nur Delfine, sondern auch Wale, diese putzigen Robben, Otter oder Fischadler liegen Naturchützern wie Charlie Phillips in Schottland und der Nordsee am Herzen. (c) Charlie Phillips/WDCS

Charlie Phillips, ein Mann mit markiger Stimme, steht jedem interessierten, neugierigen und faszinierenden Beobachter an einer kleinen schottischen Landzunge Rede und Antwort. Der Field Officer des WDCS, der Whale und Dolphin Conservation Society, am Rande des kleinen schottischen Dorfes North Kessock, verbringt bei jeder Möglichkeit seine Zeit an der kleinen, oft vom Meer gepeitschten Landzunge an einer Meeresenge, um Delfine zu beobachten. Oft mit Erfolg. Denn man kann nahezu die Uhr nach der Ankunft der Delfine stellen, die wegen der riesigen Lachsschwärme kommen die landeinwärts ziehen. Manchmal springen die Gejagten sogar meterhoch, um für einen Moment ihren natürlichen Feinden zu entfliehen.

Wie der WDCS an der Nordseeküste Delfine erforscht und schützt. Faszinierende Naturaufnahmen

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  • ... manchmal in recht ungewöhnlichen Posen.

    ... manchmal in recht ungewöhnlichen Posen. "Wann kommt die Flut" scheint diese zu denken... Was gibt es Schöneres, als die Ursprünglichkeit der Natur zu entdecken? © Jürgen Rösemeier

Regelmäßig etwa eine Stunde nach Flutbeginn kreuzt eine ganze Schule der Bottlenose Dolphins, Flaschennasen-Delfine, eine Art der Großen Tümmler die jeder besser als Flipper kennt, vor der Küste. Sie sind zum Greifen nah und bis zu 20 ihrer Art veranstalten oftmals ein stundenlanges Spektakel. Viele „Oh’s“ und „Ah’s“ sind da zu hören, selbst von all jenen, die vor Ort wohnen und jede freie Minute an dieser Landzunge verbringen, um das begeisternde Naturschauspiel fast andächtig zu betrachten. So auch Charlie Phillips, der neben der Erforschung und dem Schutz der Delphine auch ein meisterhafter Naturfotograf ist. Ausgerüstet mit einer Profikamera mit ofenrohrgleichem Objektiv ist auch er jedes Mal aufs Neue fasziniert von dem einmaligen, leider bedrohten Meeressäuger. Live vor Ort, selbst oftmaliger Beobachter dieses einmaligen Naturereignissens, hat nachhaltigleben.de mit dem sympathischen, engagierten und sehr kommunikativen Tierschützer gesprochen. Ein Plädoyer für mehr Engagement.

WDCS: Delfin-Schutz vor der Küste Schottlands. Interview mit Charlie Phillips

Ein engagierter Naturschützer, der sich den Artenschutz zur Lebensaufgabe gemacht hat. Die Mütze war selbst im Juni 2012 und bei einer steifen Brise ein wichtiges Accessoire. (c) Charlie Phillips/WDCS

Charlie, warum engagieren Sie sich für den WDCS und warum machen Sie das was Sie tun?

Meine Arbeit mit den Bottlenose Dolphins startete so richtig 1997, als ich meine Arbeit in dem damals noch von der Regionalverwaltung eröffneten Delfin und Seehund Forschungs- und Besucherzentrum aufnahm. Das heute zum WDCS, der Whale and Dolphin Conservation Society, gehörende Center soll den zahlreichen Besuchern zeigen und erklären wie die Vor-Ort-Forschung über Meeressäuger wie Delfine und Seehunde funktioniert. Partner hierbei ist die Universität Aberdeen.

Da die Fotografie ein wichtiges Werkzeug in der Erforschung dieser Meeressäuger ist und ich die Tiere nahezu täglich vor der eigenen Haustür sah, wurde ich schnell Teil des Teams (Anm. der Redaktion: Charlie Phillips wohnt direkt am Ufer der Bucht, in die die Delfine täglich hineinschwimmen und vom Wohnzimmerfenster aus zu beobachten sind). In den folgenden Jahren wurde ich aufgrund meiner Erfahrungen zunächst ein Berater des WDCS und, 10 Jahre später, ein Vollzeit-Mitarbeiter, der das Projekt „adopt-a-dolphin“ betreut, bei dem mittlerweile 20.000 Briten und Deutsche einen Delfin adoptieren können, um so den Schutz und die Forschung der gefährdeten Meeressäuger weiter auszubauen. Der Lohn für die Unterstützer: Teils tägliche, wöchentliche in jedem Fall monatliche Informationen und die neuesten Fotos zu den adoptierten Delfinen. Die Möglichkeit mit und für diese wunderbaren Tiere zu arbeiten ist ein großes Privileg für mich. Wenn es die Zeit erlaubt, dann fotografiere ich aber auch Otter, Seehunde und Fischadler, die glücklicherweise in Schottland noch häufig zu sehen sind.

Sechs Delfine gehören übrigens zu dem Programm adopt-a-dolphin, die so klingende Namen wie Sundance, Rainbow oder Moonlight tragen.

Nicht nur aufgrund der 20.000 Tonnen Plastik, die jährlich alleine in der Nordsee landen – was sind Ihre persönlichen Einschätzungen zur Ökologie der Nordsee und im Speziellen die Delfine betreffend?

WDCS: Delfin-Schutz vor der Küste Schottlands. Interview mit Charlie Phillips

Bitte recht freundlich: Zum Greifen nah kommen die Bottlenose Delfine tagtäglich ans Ufer und faszinieren die erstaunten Betrachter. Charlie Phillips ist überzeugt, dass die Meeressäuger tatsächlich die Menschen betrachten. (c) WDCS/Charlie Phillips

Die Nordsee wovon der hiesige Moray Firth ein Teil ist, ist ein sehr bedeutender Lebensraum aufgrund der großen Diversität an Tierarten die nicht nur in ihr, sondern auch an deren Küste und von der Nordsee lebt. Der menschliche Einfluss auf dieses empfindliche Ökosystem ist bedenklich, da die natürliche Balance sich zu ändern scheint, zeitweise rasend schnell. Dies ist besonders bei jenen Tieren zu beobachten, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Dies ist besonders an den Zahlen der Harbour Seals genannten Seehunden zu sehen, deren Population in ganz Schottland dramatisch zurückgeht, ohne dass es hierfür wirklich einen Erklärung gibt. Bei Fakten wie diesen muss man sich ernsthaft Sorgen um die jeweiligen Spezies und die Ökologie der Nordsee machen. Besser sehen die Zahlen glücklicherweise für die Bottlenose-Delfine aus, deren Population sich nach neuerlichen Zahlen von 130 auf 200 vergrößert hat in den letzten Jahren. Aber: Man kann nie zufrieden sein und alle müssen mit anpacken, um die Diversität des Wildtierbestandes und die vielen Naturwunder für die Zukunft und kommende Generationen zu bewahren.

Was halten Sie davon, dass Delfine in Freizeitparks gehalten werden?

Das Delfine, Wale oder Schweinswale in zu unserem Amüsement in Gefangenschaft gehalten werden ist barbarisch, absolut falsch und kann mit keinem Argument gerechtfertigt werden. Ich habe das Privileg mit absolut freien und hoch-intelligenten, wilden Individuen zu arbeiten, die geboren werden, aufwachsen und ihr Leben in der Freiheit, mit Freunden und in einem engen Familienverbund genießen. Sie fühlen die Gezeiten auf ihren Körpern und sind fähig, Tag für Tag viele, viele Kilometer in Freiheit zurückzulegen. Und so soll es auch sein. Schließlich ist es heute doch sehr leicht möglich, Tiere in der freien Natur zu beobachten; wir haben einen besseren Bildungsstand und die Möglichkeiten zu Reisen sind heute besser denn je. Bitte helfen Sie dem WDCS, gegen die Gefangenschaft von empfindungsfähigen Delfinen anzugehen. Helfen Sie uns auch dabei, proaktiv zu sein, bevor die fragilen, kleingruppigen  Wal-, Delfin- und Schweinswalbestände auf eine bedrohliche Zahl sinken. Das sollte unser vorrangiges Ziel sein.

„Herzlich eingeladen“

Charlie Phillips oder eine seiner engagierten Kolleginnen und Kollegen sind stets vor Ort im Dolphin Center, North Kessock, oder am Beobachtungspunkt in der Nähe anwesend und gerne bereit über die Arbeit des WDCS und die Delfine selbst zu informieren. Denn, typisch schottisch, herzlich und offen, beschließt Charlie Phillips das Interwiew mit seinem ehrlich wie herzlichen Angebot: „As a last word, can I say that if anyone would like to come to the Moray Firth and wish to see our wild dolphins then myself and our staff would make every effort to making sure that you have a good time and see these wonderful dolphins plus the other lovely wildlife the way it is meant to be – wild and free.”

Danach ist schon wieder davor

Nach unserem Interview, das Spektakel der heute sehr springfreudigen Delfine hat sich etwas beruhigt und die satten Meeressäuger ziehen weiter die Bucht hinauf, schaut der WDCS-Mann noch lange auf Meer. Mit einem Lächeln im Gesicht und dem Blick hinüber zu den beiden staunenden Robben, die kaum eine begeisterter Betrachter gesehen hat… Und morgen kommen sie garantiert wieder. Hoffentlich noch lange.

Engagement zeigen und Flagge bekennen

„Change yourself, then you can change the world“ – Etwas Engagement, Achtung vor der Natur und ab und zu die eigenen Handlungen überdenken kann schon viel bewirken und die Welt ein klein wenig besser machen. Mehr zur Arbeit des WDCS können Sie unter „Engagement“ lesen.

Ein kurzes Video dieses Tages und der zum Greifen nahen Delfine finden Sie hier.

Interview: Jürgen Rösemeier


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