Sie rockt auf der Bühne, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Ungerechtigkeit geht und hat ein großes Herz. Nachhaltigkeit gehört zu ihrem Alltag und soziale Engagements zu ihrer Lebensphilosophie. Rockstar Julia Neigel im Gespräch mit nachhaltigleben.de
Julia Neigel: Die bekannte Deutschrockerin engagiert sich! Foto: Fotograf Christian Barz
Wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, oder auch das Schicksal von einzelnen Menschen, die dringend Hilfe brauchen, aber auch bei humanitären Angelegenheiten, die ohne Unterstützung keine Chance auf Fortkommen haben, ist es mir ein Anliegen einen gesellschaftlichen Denkprozess, oder eine Hilfskation mit anschieben zu können. Es ist ein Antrieb meines Herzens und es erfüllt mich mit Freude etwas in der Welt – auch wenn nur im Kleinen – verbessern zu dürfen. Oftmals genügt es schon eine breitere Öffentlichkeit auf das Anliegen aufmerksam zu machen, um dann eine positive Entwicklung beobachten zu können. Die Unterdrückten, oder benachteiligten Schwächeren verdienen unsere Aufmerksamkeit und wenn möglich auch unser aller Hilfe. Dafür stehe ich ein, auch wenn nur in ausgewählten Projekten.
Aktiv setzen Sie sich für die Opferhilfe "Weisser Ring" ein. Was tun Sie konkret und können Sie uns ein paar Hintergründe zur Organisation nennen?
Das Rechtssystem bietet Tätern leider immer noch ausgesprochen viele Möglichkeiten sich zu schützen und ihre Tat zu verschleiern – insbesondere im Strafprozess. Das strenge Reglement von Beweisführung soll dazu dienen auch nur die wahren, beweisbaren Schuldigen zu ermitteln, aber die Hürde ist so hoch – dass manchmal auch Schuldige damit freikommen. Jeder davon ist einer zu viel. Die Opfer gehen oftmals durch die Hölle und werden durch einen Freispruch des Täters, oder bei mildernden Umständen, doppelt victimisiert. Ein Täter hat die Chance sich vom Gericht kostenlos einen Anwalt stellen zu lassen, darf lügen, um sich selbst zu verteidigen, ohne im Prozess dafür bestraft zu werden. Sie haben Rechte, die ich manchmal für fragwürdig halte, da auf der anderen Seite diese Rechte oft so nicht vorhanden sind. Opfer sind oft nur Zeugen, müssen die Wahrheit sagen, sonst machen sie sich strafbar, haben als Zeugen kein Recht auf Gerichtskostenhilfe. Falls sie vom Verteidiger diffamiert oder entwürdigt werden, müssen sie meist selbst die Kosten der Aufklärung finanzieren und gleichzeitig die Folgen der Straftaten verkraften. Bei Betrugsstraftaten ist es ihnen oft danach nicht möglich Zivilklagen ohne finanzielle Unterstützung einzuleiten. Bei Gewaltanwendung und seelischen Folgen gibt es Seitens der Richter einen immensen Spielraum die seelischen Schäden zu ermessen. Frauen sind in diesem Falle häufiger Opfer, wie bei der häuslichen Gewalt zu sehen. Dies ist ein Unrecht welches sich täglich in häufig überlasteten Straf- und Zivilprozesssystem zeigt und geändert werden muss. Der Weisse Ring unterstützt die Opfer in allen belangen bei Gericht und versucht Ihnen das Labyrinth der Justiz zu erleichtern. Sie begleiten beim Prozess. Das halte ich an dieser Stelle für ausgesprochen wertvoll. Ich rufe, so oft ich kann, für die Verbesserung des Opferschutzes in unserem Rechtssystem auf. Das ist ein Punkt der nicht oft genug angesprochen werden kann. Letztendlich sind Politiker und Justiz gefragt, die dem Opfer mehr Recht und Schutz gewähren müssen.
Sie gehen als gutes Vorbild voran und können als Star viele Menschen erreichen. Was möchten Sie Menschen für eine Botschaft vermitteln?
Ich will meine Popularität auch für gesellschaftliche Werte wie Chancengleichheit, Humanität, Gemeinschaft und Sozialität einsetzen. Gerade in den letzten Jahren hatte die Gesellschaft viele wirtschaftliche Sorgen. Gleichzeitig konnte man ein Wachstum an Gleichmütigkeit und Unrechtsbewusstsein für Einzelschicksale erkennen, was ich bestürzend fand. Die Gründe erkenne ich auch im Rechtssystem, welches vielen zeigte, dass für das Recht zu kämpfen, noch lange nichts bewirkte. Recht und Gerechtigkeit lagen immer auseinander. Die Hoffnung auf gerechte Gesellschaft schwand, die Wahlbeteiligung ging zurück, eine gewisse Hilflosigkeit machte sich breit, die Zivilcourage schwand. In Studien stellte man zudem fest: Profane Unterhaltung durch Medien wurde im täglichen Zeitaufwand wichtiger als die ernsthafte lösungsorientierte Unterhaltung unter Menschen. Das war ein schlechtes Zeichen für Bildung und Interesse an der Gemeinschaft. Verrohung in unserer breiten Mitte ist kein Weg zur Besserung, sondern höchstens eine Duldung für Unrecht. So kann es nicht besser werden. Nur, wenn man bereit ist hinzusehen und dieses Unrecht auch zu sagen und es abzulehnen und Lösungen vorzuschlagen, wird sich auch allgemein etwas ändern. Wir stehen da alle im Wort. Mit Abwarten erreicht man nichts. Mein Aufruf ist daher: tut was, macht es besser im Einzelnen, in eurer eigenen Mitte, wo auch immer ihr seid – und schaut nicht weg.
Wie wichtig ist für Sie die Worte Menschlichkeit und Nächstenliebe?
Ohne diese Aspekte kann sich weder eine Gesellschaft bilden, noch wachsen. Respekt und Achtung sind Basis für eine bessere Gesellschaft. Sie ist die Sprache des Gewissen jedes Einzelnen. Nur im Miteinander liegt die Kraft einer Zivilisation. Kultiviertheit und demokratische Regeln sind wichtige Gradmesser für den Wohlstand und das Maß der Entwicklung einer Gemeinschaft. Dies ist nur mit humanen und werteorientierten Handlungen zu erreichen, auf keinen Fall durch Vorteilsdenken und Desinteresse. Das ist die Waffe der Menschenverachter, nicht der Menschlichkeit.
Musikalisch, attraktiv und sozial, eben ein echtes Vorbild. Foto: Fotograf Christian Barz
Gehört für Sie ein nachhaltiges Leben zur Alltagspraxis und wenn ja, wie leben Sie dies?
Ja natürlich. Es ist normal für mich. Ich achte insbesondere im eigenen Umfeld darauf, dass, falls jemand Hilfe zur Selbsthilfe braucht, diese auch bekommt. Zu mir kommen z.B. auch viele Kollegen die juristische Tipps brauchen. Ich bin darin erfahren und helfe gern. Ebenso mische ich mich ein, wenn ich allgemein Unrecht sehe und sage dies auch laut und deutlich. Ich halte Zivilcourage für tägliche Praxis und habe ein Gewissen, dem ich folge. Mein Gewissen sagt, dass ein derartiger Lebensstil zu mehr Frieden und Glück im Leben führt und es richtig ist sich diese Zeit jederzeit und immer wieder zu nehmen. Es ist schön zu sehen, wenn es allein durch die Handlung Einzelner etwas besser wird und ich glaube auch, dass dies ein wichtiger Handlungsbaustein für ein glückliches Leben in einer Gesellschaft ist.
Auf welche neuen Projekte von Ihnen dürfen wir uns freuen?
Ich bin derzeit Patin einer im August stattfindenden Benefizveranstaltung für ein Kinderhospiz, welches in unserer Heimatregion durchgeführt wird. Ich bin bei der Peter Maffay Stiftung aktiv und unterstütze ihn in Aktionen, zum Beispiel durch Spenden und bei den Symposien. In bin als Jurorin wie beim Panikpreis und beim Pop-und Rockmusikerpreis tätig und helfe somit dem musikalischen Nachwuchs bei der Förderung. Beruflich habe ich ebenso viel zu tun: Im Oktober kommt meine Biografie auf den Markt, im Herbst steht zusätzlich noch ein großes Projekt an. Und nächstes Jahr kommt ein neues Album ...
Vielen Dank für das Gespräch!
Text: Peter Rensch

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